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»ICH WÜRDE DAS NICHT POLITISCH NENNEN«

Wenn man glaubt, es geht nicht mehr, kommt aus Österreich ein neuer Musikexport her. Nach Bilderbuch, Wanda, Yung Hurn und Voodoo Jürgens greift nun der Rapper Jugo Ürdens zum Mikro. Ein Gespräch mit dem Newcomer über politischen Rap und Balkan-Melancholie.

Wenn es in Wien noch einen Ort gibt, an dem sich ungeachtet der Geschlechts- und Altersgruppe, des sozialen Rangs, Berufs oder der Herkunft die ganze Stadt versammelt, dann im türkischen Restaurant Kent. Die Lärmkulisse ist betäubend, das Essen betörend. Man trifft kroatische Familien beim Mittagessen, türkische Paare beim ersten Date, österreichische Bauarbeiter. Und, hin und wieder, den Wiener Rapper Jugo Ürdens: Anfang zwanzig, gebürtiger Mazedonier, Wirtschafts­uni-Dropout. Und Österreichs neuer Hip-Hop-Export. Dass er ein »Jugo« ist, also aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt, will sich Jugo Ürdens mit seinem Künstlernamen aber nicht auf die Fahnen schreiben. Eigentlich will er das Thema nämlich aus der Welt schaffen.Um über die wirklich wichtigen Dinge rappen zu können. Nicht über »Politik und so’n Scheiß«, sondern über die persönlichen Geschichten, mit denen sich andere identifizieren können.

Jugo, der Rapper Kendrick Lamar hat für sein Album »Damn« gerade als erster Hip-Hop-Act den Pulitzerpreis bekommen. Muss Hip-Hop gesellschaftskritisch sein?
Muss nicht. Wenn Rap ein politischer Gegenpol ist, ist das schon gut. Was Kendrick macht, ist natürlich gut. Es gibt aber auch politischen Rap, der ganz furchtbar ist. Ich persönlich habe da wenig Ansprüche. Ich habe einen Track gemacht, der politisch ist, »Österreicher«. Das reicht mir dann auch.
Deine Musik wird oft zum Cloud Rap gezählt. Dagegen wehrst du dich aber. Warum?
Ich persönlich würde mich da nicht unbedingt reinnehmen. Aber klanglich gibt’s da bestimmt Überschneidungen. Ich verstehe generell nicht, warum man immer alles kategorisieren muss.
In deiner Single »Schwarzes Gold« geht es um Cola. Distanzierst du dich damit vom Thema des Drogenkonsums im Rap?
Eigentlich war das nur Spaß. Ich bin aber schon ziemlich clean unterwegs. Ich mag den Song eigentlich überhaupt nicht mehr. Es gab dazu mal ein Video online, das habe ich wieder runtergenommen.
Passiert es oft, dass du deine Tracks nicht mehr magst, wenn sie veröffentlicht sind?
Frag nicht, das ist andauernd so.
Auf dem Cover deiner ersten EP ist ein Gemälde von einem Knoblauch abgebildet. Was hat es damit auf sich?
Meine Eltern waren die totalen Hipster damals. Gingen die ganze Zeit in Kunstgalerien und so. Und die kauften damals dieses Bild von einer Künstlerin, das muss in den Neunzigern gewesen sein. Wir sind dann gefühlte vierzig Mal umgezogen und das Bild kam immer mit. Irgendwann landete es im Keller, und als ich ausgezogen bin, habe ich es mitgenommen und bei mir aufgehängt. Ich finde das einfach so schön. Ein Stück Heimat.
Du kommst aus Mazedonien, hast deine frühe Kindheit dort verbracht. Hat dich das musikalisch beeinflusst?
Mit sechzehn habe ich begonnen, mich mit meinen Wurzeln auseinanderzusetzen. Ich war mit sieben nach Wien gegangen, verbrachte den Sommer aber immer noch unten. Irgendwann kam die Frage: Wo komme ich eigentlich her? Ich habe dann ganz viel Musik gehört und viel von der alten mazedonischen Musik gesampelt. Ich wollte sie irgendwie wiederverwerten.
Beschreib mal, was macht die Musik aus?
Sehr viel Pathos, sehr viel Schmerz. Auch wenn man versteht, worüber die singen. Viel über Krieg und so. Zum Beispiel Goran Bregović, der hat das total geprägt. Er ging damals in Zigeunerdörfer und hat mit denen ihre Lieder bearbeitet und neu aufgenommen. Jetzt spielt er sie einmal im Jahr vor voll besetztem Konzerthaus. Oder Zdravko Čolić, der ist ein bosnisch-serbischer Popstar. Und in den Sechzigern oder Siebzigern gab es Nina Spirova, die hat soulige Musik gemacht.
Ist das die Musik, die deine Eltern gehört haben?
Ja. Sie haben aber nicht nur volkstümliche Sachen gehört, sondern auch viel Rock. Es gab eine große Rock-Ära in Jugoslawien. Und das war sehr politisch. Einer von der Band Riblja Čorba war immer im Gefängnis, weil er sich gegen das Regime wehrte. Das hat man damals einfach sehr viel gehört und man nimmt es dann irgendwie mit. In meinem Song »Yugo« verwende ich ein Sample von einem alten jugoslawischen Lied, das sehr melancholisch ist. Die Sängerin weint fast.

In »Österreicher« rappst du, wie schwer es ist, einen österreichischen Pass zu bekommen. Fühlst du dich als Österreicher?
Ja, schon. Wien ist mein Zuhause. Einen Pass habe ich immer noch nicht. Ich bin selbst aber auch nicht genügend dahinter.
1992 hat sich die deutsche Hip-Hop-Gruppe Advanced Chemistry mit Staatsbürgerschaft beschäftigt. Die Mitglieder hatten alle einen Migrationshintergrund und rappten: »Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land. Kein Ausländer und doch ein Fremder.« Das war in einer politisch sehr aufgeladenen Zeit, voller »Das Boot ist voll«-Debatten. Später kamen Die Fantastischen Vier und haben Rap für sich als reines Entertainment verstanden. Wo würdest du dich da einordnen?
Ich glaube, ich bin irgendwo dazwischen. Meine Musik ist schon auch nachdenklich, nicht nur Party. Ich würde das aber nicht politisch nennen, denn ich will eher persönliche Geschichten erzählen. Keine großen Sachen erklären, von denen ich nichts verstehe. Allgemein sehe ich im deutschen Hip-Hop gerade hauptsächlich Party.
In der österreichischen Musiklandschaft gibt es ja so etwas wie ein neues Bedürfnis nach Mundart und damit irgendwie auch Heimatbekenntnis oder Auseinandersetzung mit Heimat: Wanda, Granada, Voodoo Jürgens, 5/8erl in Ehr’n. Was denkst du darüber?
Ja klar, und Crack Ignaz, die Linzer Rapper-­Partie, die Salzburger. Man schämt sich jetzt nicht mehr, aus Österreich zu sein. Grundsätzlich finde ich das auch schön. Wenn man aber nicht darauf achtet, wer die Musik für welche Zwecke verwendet, wird’s problematisch. Und Granada zum Beispiel, die haben ewig lange ganz andere Musik gemacht. Dann kamen Wanda und sie haben plötzlich ihr Image gewechselt. Hin zu Wienerisch, Ottakring. So was finde ich scheiße. Das ist so berechnend.
Wie bist du eigentlich zum Hip-Hop gekommen, also wann hast du angefangen, ihn zu hören, und welchen?
Das war Deutschrap. Sido und so. Damals fand ich die ganzen Straßenrapper nicht so geil. 2010 hat Nate57 ein Mixtape rausgebracht, das ist ein Hamburger Straßenrapper. Das habe ich dann arg gefeiert, da hat es Klick gemacht und ich habe immer mehr Straßenrap gehört. Diese Leute haben von einer fremden Welt erzählt, so intensiv, so krass. Das fand ich gut.
Und wann hast du begonnen, selbst Texte zu schreiben?
Ich glaube, ich war fünfzehn und habe meiner Freundin zum Jahrestag ein Gedicht geschrieben, ganz ekelhaft. Sie hat mir dann irgendwann ein Keyboard geschenkt. Darauf habe ich begonnen, ein bisschen zu spielen, Beats zu machen. So ging es weiter, bis ich auch Rap-Texte schrieb. Mehr Spaß macht mir heute allerdings das Produzieren. Das kommt einfach von selbst, anders als Texten, wobei man überlegen muss, sich anstrengen. Wenn man einen Beat produziert, hört man ihn sich am Ende des Tages an und das ist geil.
Jugo Ürdens – wie kam es zu deinem Künstlernamen?
Mein Kumpel hat mich früher immer so genannt, da waren wir besoffen. Irgendwann hieß ich so auch auf Facebook, hatte Udo Jürgens als Profilbild und als Bio – kompletter Blödsinn einfach. Ist natürlich auch ein bisschen blöd, weil ich mich damit selbst so auf eine Jugo-Ausländer-Schiene festlege. Aber das versuche ich jetzt langsam zu ändern. Was ich in Zukunft mache, wird immer weiter weg­gehen davon.
Hattest du denn eine typisch migrantische Kindheit, wenn man das so sagen kann?
Na ja. Meine Eltern sind Akademiker und wollten, dass ich was aus mir mache. Ich bin in ein Gymnasium im 1. Bezirk gegangen. Da waren viele Ausländer in meiner Klasse, aber auch Österreicher. Wir haben im 16. Bezirk neben der Manner-Fabrik gelebt und dort im Park Fußball gespielt.
Was denkt die Familie über deine Musik?
Die finden das mittlerweile gut. Natürlich hätten sie gerne, dass ich studiere. Aber ich jage jetzt erst mal meinem Traum nach. Studieren kann ich danach immer noch.
Du hast doch schon ein Studium begonnen, oder?
Ja, ich habe Wirtschaft studiert. Ein bisschen aus Verzweiflung heraus. Ich habe es so gehasst, es war eine Katastrophe. Je kleiner die Gruppen wurden, desto größer wurde der Hass. Am ersten Tag kam ich viel zu früh und im Jogginganzug. Und mit einem abgefuckten Laptop, weil ich kaum Geld hatte. Dann kamen die anderen alle, in ihren blauen Anzügen und ihren Timberlands. Später fuhren sie in ihren BMWs davon. Grundsätzlich ist es eh schön, Geld zu haben. Aber das war der falsche Weg.