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Der Mann fürs Opulente

Mit Y/Project steht Glenn Martens an der Spitze der jungen Pariser Modegarde. Der Designer über Geschichtsverliebtheit, Jean Paul Gaultier und Schönheit auf Belgisch.

Sie haben die Gesichter von Ludwig XVI. und Marie-Antoinette auf Schals gedruckt und zeigen barocke Männerhosen mit Pelzbesatz. Warum sind Sie so vernarrt in Historisches?
Ich stamme aus Brügge in Belgien. Eine schöne Stadt, im Mittelalter war sie eine der großen Metropolen ­Europas. Dann hat sie allerdings die Barockzeit übersprungen, es gab auch keine industrielle Revolution. Die Stadt ist genau so erhalten, wie sie im 15. Jahrhundert aussah. Überall gotische Architektur. Daher stammt wohl meine Geschichtsobsession. Als kleines Kind habe ich König Artus, Johanna von Orléans, Kleopatra gemalt. Mit Augenmerk auf den Kleidern.

Worum geht es Ihnen, wenn Sie entwerfen?
Zunächst um das konstruktive Experiment. Selbst das einfachste T-Shirt benötigt einen besonderen Dreh. Und durch alles zieht sich ein Gefühl von Opulenz. Bei Y/Project gibt es immer viel von allem. Sehr fröhlich, sehr festlich. Wir feiern sozusagen jeden Tag Weihnachten.

Wie wichtig ist Ihnen Humor?
Ich besitze einen sehr schwarzen. Es ist eine harte Industrie. Wir sind eine ernsthafte Firma, versuchen aber, es so leicht wie möglich zu nehmen.

Wie lange leben Sie schon in Paris?
Zehn Jahre. Ich bin also fast Pariser.

Man hört oft, wie sehr sich die Stadt gerade wandelt.
Paris ist eine völlig andere Stadt als vor zehn Jahren. Ein etwas ungelenkes Beispiel: Ich bin Vegetarier. Noch vor fünf Jahren war das Einzige, was ich im Restaurant bekommen konnte: Ziegenkäse. Mit Apfel. Buchstäblich überall. Heute hat sich Paris geöffnet. In den Vororten tauchen Underground-Clubs auf. Es gibt viel Kunst. Eine sehr aufregende Zeit, um hier zu leben.

Und in der Mode? Sie gelten als Vorreiter einer neuen Pariser Designer-Riege.
Paris war immer ein Mittelpunkt der Mode. Die aufregendsten Desig­ner kamen von hier, denken Sie an Nicolas Ghesquière bei Balenciaga. Doch das Augenmerk lag auf einem sehr luxuriösen, klassischen Produkt. Heute trauen sich die jungen Designer, andere Kleider zu entwerfen. Es geht ihnen nicht um altmodische Roben. Heute herrscht eine größere Diversität. Unsere Generation ist nicht talentierter als die davor, sie besitzt bloß eine andere Art, mit Kleidern umzugehen.

Sie haben an der renommierten Antwerpener Modeakademie studiert, verstehen Sie sich als belgischer Designer?
In Antwerpen lernt man vor allem, sich selbst zu hinterfragen. Der ­belgische Weg ist nicht durch eine gemeinsame Ästhetik verbunden. Designer wie Martin Margiela, Ann ­Demeulemeester oder Dries Van Noten besitzen sehr unterschied­liche Stile. Es geht vor allem um Konzeptionalismus. Diese Designer würden nie um der bloßen Schönheit willen entwerfen. Wenn Dries Van Noten ein simples Kleid schneidert, das auf wunderschöne Weise bestickt ist, steckt da eine ganze Geschichte dahinter. Belgien ist ganz klar kein schönes Land. Es ist sehr industriell, es gibt keine Natur. Man wird nicht wie in Italien oder Frankreich von der reinen Schönheit der Landschaft überrascht. Man muss Schönheit auf andere Weise suchen.

Viele Designer beziehen sich gerade auf Martin Margiela, ist er für Sie wichtig?
Er ist für mich mehr als ein Designer, Margiela hat die Denkweise einer ganzen Generation geprägt. Eine neue Art des Designs. Er war der Gott der Neunziger, als ich aufwuchs. Er hatte großen Einfluss auf die Modemacher meiner Generation. Genau wie Gianni Versace. Mir geht es eher um Margielas konzeptionelle Denkweise. Viele Desig­ner reflektieren sehr stark die Musik, die Alltagslooks und die Designer ihrer Jugendzeit.

Gehörten Sie einer Jugendkultur an?
Vielen! Ich war da sehr flexibel. Da ich aus Belgien stamme, war ich in sehr jungen Jahren Gabber. Dann Skater. Als ich später zur Kunsthochschule ging, wollte ich künstlerisch aussehen.

Gleich darauf stellte Jean Paul Gaultier Sie ein.
Er ist ein wahrer Meister. Viele Menschen sind sich gar nicht klar darüber, wie sehr er die Mode verändert hat. Er war Margiela vor Margiela! Der Konzeptualismus seiner Kleider ist außergewöhnlich. Denken Sie daran, was er für die Frauen und die Sexualität getan hat. Dafür, Tabus zu brechen. Seine Kleider sahen fantastisch aus. Obendrein ist er ein echter französischer Bonvivant, er isst, er trinkt, ist stets fröhlich. Eine sehr beeindruckende Person.

Sie richten getrennte Frauen- und Männerschauen aus, zeigen aber bei beiden die gleichen Kleidungsstücke. Warum?
Mir geht es um Individualität. Ein und dieselbe Jacke kann an einem Mann sehr elegant, an einer Frau sehr spröde wirken. Und andersherum. Viele unserer Kleidungsstücke sind so konstruiert, dass man sie verändern kann, indem man die Ärmel abnimmt, etwas anknöpft, umkrempelt, auf links trägt. Das möchte ich in den Schauen zeigen. Ich möchte nicht, dass sich die Menschen hinter meinen Kleidern verstecken. Sondern, dass die Kleider sie in den Mittelpunkt stellen.