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William Finnegan über seine lebenslange Leidenschaft zum Surfen und sein prämiertes Surf-Buch »Barbarentage«

William Finnegan ist Autor – und Surfer. Im Interview spricht Finnegan über seine Leidenschaft zum Surfen seit Kindertagen, über surfende Alphatiere auf dem Wasser und sein Pulitzer-prämiertes Buch »Barbarentage«, ein Klassiker des Sommers.

Als Sie in den Sechzigern surfen lernten, galten Wellenreiter als Rebellen und Rumtreiber. Wie bekamen Sie das zu spüren?
Die Polizisten in den kalifornischen Küstenorten waren uns Surfern gegenüber recht feindselig eingestellt. Ein Surfbrett dabeizuhaben, war eine Einladung für Ärger. Man musste aufpassen, wo man parkte und sich seine Badehosen anzog. Als Surfer hatte man auch angeblich nie ein Buch gelesen. All das stand in starkem Kontrast zu Hawaii, wo ich als Junge ein paar Jahre gelebt und Surfen gelernt habe. Da surften manche Väter. In Kalifornien galt Surfen als Zeitvertreib für Gammler, die die Schule abbrechen.

Wie sah die kalifornische Surfszene tatsächlich aus?
Sie veränderte sich zu der Zeit sehr. Während Surfer in den frühen Sechzigern relativ gradlinige Sportler waren, waren sie in den späten Sechzigern berüchtigte Wehrdienstverweigerer. Der Vietnamkrieg teilte das Land. In der kleinen kalifornischen Welt, in der ich aufwuchs, wurden Surfer stark mit der Gegenkultur identifiziert. Die gravierendste Veränderung kam aber in Form eines neuen Surfbrettdesigns, um 1968. Aus großen, schweren Dingern, drei Meter lang, wurden viel kürzere Surfbretter, die weniger als die Hälfte wogen. Das änderte den Stil und allgemein den Gedanken des Surfens. Es klingt wie eine weithergeholte Idee, aber das war auch mit politischen Veränderungen, Bewusstseinsveränderungen verbunden. Halluzinogene hatten Einfluss auf die Ornamentierung. Plötzlich waren Surfbretter psychedelische Leinwände für Möchtegernkünstler.

Verstanden Sie Surfen als Protest?
Ich habe den Großteil meiner Kindheit im Meer verbracht, das mit dem Surfen ergab sich ganz natürlich. Als ich Surfen lernte, entwickelte es sich zu einem Mittel der Selbstbefreiung. Ich habe mich sehr früh von meinen Eltern abgenabelt, weil ich immer weiter weg von zu Hause nach Wellen gesucht habe. Wenn heute ein Vierzehnjähriger für Tage und Wochen verschwände, würde man den Eltern Vernachlässigung vorwerfen. Damals herrschte eine Laissez-faire-Mentalität.

Surfende Alphatiere auf dem Wasser

 

Wie muss man sich die Atmosphäre beim Surfen auf der Welle vorstellen?
An einem guten Tag, wenn viele Surfer draußen sind, kann der Wettbewerb sehr intensiv sein. Es gibt eine Hackordnung im Wasser, die stärksten Surfer bekommen die besseren Wellen. Es ist ein recht primitiver Tanz von Dominanz und Unterwerfung.

Herrscht beim Surfen ein Männlichkeitskult?
Ja. Man sieht Kerle, die versuchen, sich durch Einschüchterung nach oben zu arbeiten. Aber das funktioniert nie. Wenn man kein guter Surfer ist, ist man kein guter Surfer.

william Finnegan (mitte) mit Freunden in Indonesien, 1979

Die besten Surfwellen der Welt

Die Siebziger haben Sie damit verbracht, mit dem Surfbrett durch die Südsee zu reisen. Was hat Sie dazu bewegt?
Es gab damals einen Film namens »The Endless Summer«. Er handelte von zwei Jungs, die um die Welt reisen und nach Wellen suchen, die nie zuvor jemand gesurft hat. In einer ganzen Generation setzte sich diese Idee fest. Ironischerweise ist der Film keine Dokumentation, der Regisseur Bruce Brown hatte die besten Surfer Kaliforniens einfach als Schauspieler engagiert. Unser Ideal beruhte also auf einem Missverständnis. Aber mit Anfang zwanzig hatte ich mein Studium beendet, es waren die späten Siebziger, die Disco-Ära. Keine besonders aufregende Zeit in Amerika. Abzuhauen, um zu surfen, und das Erwachsenwerden aufzuschieben, schien mir eine gute Idee.

Sie waren auf der Suche nach Freiheit?
Nicht unbedingt, denn ich hatte in Kalifornien schon ungewöhnlich viel Freiheit. Meine Eltern haben sich meinen zahlreichen Ideen nie entgegengestellt. Als ich sie davon unterrichtete, dass ich die nächsten Jahre in die Südsee verschwinden würde, gaben sie mir ihren Segen. Ich hatte romantische Vorstellungen über naturverbundenere und autarkere Gesellschaften. Ich dachte, die ganze Welt würde eines Tages aussehen wie Los Angeles. Vorher wollte ich sie sehen. Tatsächlich haben wir Surfspots entdeckt, die fast niemand kannte. Auf einer unbewohnten Insel auf Fidschi fanden mein Freund Brian und ich eine der besten Surfwellen der Welt. Dort hatte kaum ein Mensch je ein Surfbrett gesehen. Manchmal fühlte ich mich aber schon wie der vergessene Schwachkopf, der im Dschungel lebt, während andere Karriere machten. Die waren mit 30 erfolgreiche Hollywood-Produzenten.

Bucht von Grajagan, Java, 1979

Der Autor als junger Surfer

»Surfer haben immer noch ein Imageproblem«

Hat Hollywood je einen guten Film über das Surfen gedreht?
Ich habe nie einen gesehen. Dabei hat es eine überraschend große Zahl von Versuchen gegeben. Was wohl daran liegt, dass viele Leute aus dem Filmgeschäft in Malibu leben. Ein paar berühmte Beispiele von Surffilmen sind »Point Break«, »Big Wednesday« und »North Shore«. Sie sind allesamt Kitsch. Wirklich schlecht. Wenn man einen Film zerstören will, muss man einfach ein Surfbrett darin unterbringen, das ist meine Theorie. Haben Sie von Kryptonit gehört, dem Element, das Supermans Kräfte zerstört? Surfbretter sind das Kryptonit des Films.

Sie arbeiten seit 1978 für den New Yorker, dass Sie surfen, haben Sie dort keinem erzählt.
Surfer haben immer noch ein Imageproblem. Und ich schreibe vor allem über Politik, viele Meinungsstücke. Als ich einen Artikel über einen alten Surferfreund aus San Francisco verfassen sollte, machte mich das nervös. Ich wollte mich nicht als Surfer outen, weil ich dachte, man würde mich nicht mehr ernst nehmen. Natürlich hat es niemanden interessiert.

Heute ist Surfen Mainstream, stört Sie das?
Ich finde den Marketingaspekt entsetzlich. Aber es ist keine große Tragödie unserer Zeit. Wenn man an wirklich unentdeckten Spots surfen will, kann man sie auch heute noch finden. Man muss nur weiter in die Ferne reisen.

Wie oft surfen Sie noch?
So oft ich kann. Morgen Nachmittag soll es hier in New Jersey gute Wellen geben. Richtig gute, erzählen Sie’s niemandem.

»Barbarentage«
ist bei Suhrkamp erschienen,
18 EURO

©GETTY IMAGES (1), ©William Finnegan (3)